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Braucht es eine Definition für "Social Entrepreneurship" in Deutschland?

Nach der Veröffentlichung des letzten Blogbeitrags zur Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage zum Thema "Social Entrepreneurship" entwickelte sich eine kleine Diskussion auf Twitter, mit der Frage, ob "Social Entrepreneurship" in Deutschland wirklich eine Begriffsdefinition benötigt. Da dies aus meiner Perspektive als Politikwissenschaftlerin eine so fundamentale Frage ist, möchte ich meine kurzen Tweet-Antworten an dieser Stelle noch einmal ausführlich und auch wissenschaftlich begründet darlegen. Ich hoffe, so einerseits verdeutlichen zu können, warum dies für uns als Sektor elementar ist und Euch gleichzeitig wieder ein paar Grundlagen in puncto Lobbyarbeit für die gute Sache vermitteln zu können. Das Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland (SEND) e.V. hat sich die Entwicklung einer Definition für das Jahr 2019 zur großen Aufgabe gemacht. Aus meiner Sicht absolut richtig, so dass ich dies mit meinen Ausführungen unterstützen und dafür werben möchte, dass die Verbandsmitglieder konstruktiv in diesem Prozess mitziehen.


Der Machtressourcenansatz

Die Machtressourcentheorie geht davon aus, dass politische Entscheidungen durch die wirtschaftliche und politische Machtverteilung zwischen gesellschaftlichen Gruppen, die gegensätzliche Interessen vertreten, zustandekommen. Welche Faktoren dabei eine Rolle spielen, stelle ich Euch im Folgenden vor:

  • Organisationsfähigkeit: Die Organisationskraft einer Interessengruppe wird u.a. an der Anzahl der Mitglieder gemessen. Mit der Mitgliederzahl korrelieren nämlich zwei wichtige Ressourcen: Finanzen und Zeit. Mit einer hohen Mitgliederzahl werden einerseits Mitgliedsbeiträge, also Geld, eingenommen. Wir wissen alle, wie wichtig die Ressource Geld für unsere Aktivitäten ist. Die wichtigste Grundlage ist wohl, dass damit hauptamtliche Arbeit finanziert werden kann. Andererseits erbringen (aktive) Mitglieder ehrenamtliche Arbeit, also Zeit.

    Ein weiterer Punkt, der zur Organisationsfähigkeit gerechnet wird, ist die Kohärenz einer Organisation. Also ob die Interessengruppe zusammenhält, als Team auftritt, Geschlossenheit zeigt und mit einer Stimme spricht. Hier wird bereits deutlich, dass wir dringend über die gleiche Sache reden müssen und wir uns auch einig darin sein müssen, was genau wir mit dem Begriff "Social Entrepreneurship" meinen. Dass es sich hierbei um die Definition unseres gesamten Sektors handelt, macht es für mich umso relevanter, da wir sonst in unterschiedliche Richtungen laufen. Alle weiteren (politischen) Aktivitäten und Entscheidungen (Förderungen, Kriterien etc.) werden auf dieser Definition basieren. Es muss klar sein, worüber wir sprechen.

  • Konfliktfähigkeit: Interessengruppen müssen politischen Druck aufbauen können, um ihre Forderungen politisch durchzusetzen. Dafür braucht es einerseits die entsprechenden finanziellen Mittel (siehe Organisationsfähigkeit und Mitgliederanzahl). Andererseits ist es hilfreich, wenn organisierte Gruppen glaubhafte Drohungen aufstellen können (wie bspw. Streiks oder Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Ausland).
  • Mobilisierungsfähigkeit: Darunter wird die Fähigkeit zur schnellen und massenhaften Mobilisierung der Mitglieder oder Sympathisant*innen im Konfliktfall verstanden. 

  • (Außer-) Parlamentarische Präsenz: Abgeordnete sind ja ganz normale Menschen und daher häufig Mitglied in verschiedenen Vereinen. Das kann der Fußballklub um die Ecke sein, wo sie seit Teenagertagen kicken. Oder aber eine Interessengruppe wie eine Gewerkschaft, der Bund Naturschutz oder ein Arbeitgeberverband. Abgeordnete geben diesen Interessen also im wahrsten Sinne des Wortes eine Stimme im Parlament. Die Abgeordneten müssen natürlich nicht zwingend selbst Mitglied in einer Gruppe sein, können dieser aber inhaltlich nahe stehen. Ein gutes Netzwerk und ein vertrauensvoller Kontakt zu solchen Abgeordneten sorgt also für die entsprechende Präsenz. Denn so können Interessengruppen einen direkten Zugang zu politischen Entscheidungsträger*innen haben.  Die außerparlamentarische Präsenz meint v.a. die Vernetzung mit anderen Interessengruppen und einen (guten) Draht zu den Medien.

  • Regierungsbeteiligung: Auch Mitglieder der Regierung sind ganz normale Menschen und können Mitglied in einem Verein sein oder bestimmten Gruppen inhaltlich nahe stehen. So kann also sogar ein direkter Zugang zur Regierung ermöglicht werden.

  • Soziale Absicherung: Die Mitglieder müssen gegenüber dem Druck des Marktes sozial abgesichert sein, also frei von wirtschaftlichen Subsistenzsorgen sein, damit die Interessengruppe zur dauerhaften Vertretung ihrer Interessen fähig ist.

Beispiel 1: Der Mindestlohn

© DGB
© DGB

Erinnert Ihr Euch noch an die Einführung des Mindestlohns in Deutschland? Am 1. Januar 2015 war es soweit! Habt Ihr auch eine Vorstellung, wie lange sich der Prozess bis zur Entscheidung im Juli 2014 hinzog? Die Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten (NGG) hatte erstmals 1999 die Forderung nach einem flächendeckenden Mindestlohn geäußert. Die Gewerkschaften können durchaus als mitgliederstark (trotz abnehmender Mitgliederzahlen), konfliktfähig und mobilisierungsstark bezeichnet werden. Viele Bundestagsabgeordnete sind auch Gewerkschaftsmitglieder, sie genießen also eine hervorragende parlamentarische Präsenz und verfügen selbstverständlich auch über exzellente Pressekontakte. Warum also dauerte dieser Prozess ganze 15 Jahre? Die Gewerkschaften waren sich untereinander keinesfalls einig. Einige Mitgliedergewerkschaften des Deutschen Gewerkschaftbunds (DGB) schlossen sich der Forderung der NGG jahrelang nicht an, lehnten sie sogar ab und widersprachen. Erst im Jahr 2010 konnte auf dem DGB-Bundeskongress ein einstimmiges Ergebnis für den flächendeckenden Mindestlohn erzielt werden - und siehe da: Es dauerte nur noch vier weitere Jahre, bis die Einführung beschlossen wurde (was für so ein großes Thema als kurzer Zeitraum bezeichnet werden kann). Solange die Einstimmigkeit innerhalb des DGB nicht vorhanden war, fehlte einerseits die Schlagkräftigkeit. Andererseits liegt es auch auf der Hand, dass "die Politik" sich nur äußerst ungern in innere Verbandsangelegenheiten einmischt und da eine Entscheidung vorwegnimmt. Der Verband muss ein eindeutiges Interesse an die Politik adressieren, erst dann sind beide Seiten arbeitsfähig.

Ich will hier nicht behaupten, dass es nicht noch andere Einflussfaktoren gab, weshalb die Einführung des Mindestlohns ein so langwieriger Prozess war. In der Uneinigkeit der Gewerkschaften untereinander lag aber mit Sicherheit ein Grund.

Beispiel 2: Coffee To Go Again

Ein Beispiel als absoluter Gegensatz: Mit meinem eigenen Projekt zur Vermeidung von Einwegbechern, Coffee To Go Again, habe ich recht erfolgreich auf kommunaler Ebene für den Umweltschutz lobbyiert. Letztes Jahr wurden dann in allen städtischen Kantinen Münchens Einwegbecher abgeschafft! Ich bringe das immer gerne als Beispiel aus der Praxis an, wenn ich gefragt werde, ob wir als Community oder ein bestimmter Verein nicht zu klein ist, um etwas zu erreichen? Coffee To Go Again habe ich als Ein-Frau-Initiative entwickelt und durchgezogen. Meine Stärke lag da mit Sicherheit nicht in der Mitgliederzahl :-) Der Erfolg des Projekts ist vor allem der Eindeutigkeit meiner Ziele, einer mobilisierungsfähigen Crowd, mit der politischer Druck aufgebaut werden konnte, und einer guten Präsenz in den Medien zu verdanken. Es gab also keinerlei Unstimmigkeiten oder Widersprüchlichkeiten in der Außenkommunikation.

Hier könnt Ihr mehr zu meinem Vorgehen erfahren und die Entwicklung des Projekts nachvollziehen.

Birgt eine Definition auch Risiken?

Das Wesen einer Definition ist, dass etwas ganz klar umrissen wird. Und damit kann nicht nur bestimmt werden, wer/was dazu zählt. Sondern auch, wer/was nicht dazu zählt. Das mag ein schmerzhafter Prozess sein, aber meines Erachtens ein notwendiger. Hemmt eine Definition vielleicht sogar die Innovation in unserem Bereich? Eine Sorge, die in der Twitter-Diskussion auftauchte. In der Tat ist "die Politik" nicht besonders für Innovationen und Agilität bekannt :-)  Aber ich möchte Euch an dieser Stelle beruhigen: Eine Definition darf sich weiterentwickeln und verändern. Die Politik wird da vermutlich immer hinterherhinken, da sie auf Neues häufig nur reagiert und viel zu selten Entwicklungen antizipiert und entsprechend die Weichen stellt. Aber so bleiben wir innovative Treiber*innen der Gesellschaft.

Die Definition von "Social Entrepreneurship" ist von grundlegender Bedeutung

Vor dem Hintergrund, welche Brisanz die Thematik meines Erachtens hat, war es mir ein besonderes Anliegen, die grundlegende Bedeutung einer Definition für "Social Entrepreneurship" auch wissenschaftlich und ausführlich nachvollziehbar darzulegen. Ich hoffe auf eine produktive Debatte! Selbstverständlich müssen wir hier in Deutschland das Rad nicht neu erfinden und es ist auch die Übernahme einer bereits existierenden Definition möglich. Wichtig ist, dass eine Entscheidung getroffen wird, so dass Einstimmigkeit und Kohärenz hergestellt wird. Wenn auch Du Dich einbringen möchtest, nimm bis zum 22. Februar 2019 noch an dieser Umfrage Teil, die vom SEND e.V. initiiert wurde.

Wie gut ist Deine Organisation aufgestellt?

In welchen Bereichen ist Deine Organisation schon ganz gut aufgestellt, wo siehst Du noch Nachholbedarf? Der vorgestellte Ansatz ist natürlich auch auf andere Fragen übertragbar. Dabei muss man nicht in allen Bereichen 100 Prozent erreichen, um politisch etwas zu erreichen, wie das Beispiel mit Coffee To Go Again zeigt. Viel Erfolg beim Verwirklichen Deiner Projekte!


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