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Weltfrauentag: Stellen wir die Machtfrage! Oder warum wir nicht Pro Bono arbeiten sollten.

Gute Quoten im SocEnt-Bereich. Ein Grund zur Freude?

Heute ist Internationaler Frauentag. Deshalb möchte ich heute über das Thema Geld in der Social-Entrepreneurship-Szene schreiben.

 

Wieso?

 

Beim Auftakt-Event des Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland e.V. Anfang Februar in Berlin zeigte sich Sascha Schubert vom Bundesverband Deutscher Start-Ups e.V. hocherfreut und stolz darüber, dass er beim Blick ins Publikum so viele Frauen sieht und wir auch auf Podien meist eine gute Frauenquote aufweisen können.

 

Ist das wirklich ein Grund zur Freude?

 

Ist es nicht viel mehr so, dass die ganze Berufsbranche das ist, was man typischerweise als „Frauenberuf“ bezeichnet: Sozial und schlecht bezahlt? Zahlen belegen, dass wir im Vergleich zur klassischen Wirtschaft niedrigere Gehälter zahlen. Und damit nicht genug: Auch wir haben einen Gender Pay Gap, wenn auch etwas geringer.

 

In dieser Welt ist es eben nun mal so, dass Geld die wichtigste Ressource ist (ich hätte gerne eine andere Welt, aber dazu ein anderes Mal). Solange wir zu wenig Geld in unserem SocEnt-Kreislauf haben, bleiben wir ressourcenschwach und damit unwichtig.

Aber bei uns geht's doch um Impact!

Ja, es geht um die Wirkung und wir machen das alles gerne, was wir tun und leisten. Das ist aber eine Sprache, die wir nur untereinander verstehen. Als Mikro-Kosmos im Gesamtkosmos „Wirtschaft“, sind wir in unserem Aktionsradius von Geld abhängig. Vor allem, wenn wir für politische Entscheidungsträger*innen interessant sein wollen und hier zur ersten Anlaufstelle avancieren wollen.

 

Machen wir uns unsere interne Situation bewusst: Wer kennt diese Fragen nicht „Und damit kannst Du Geld verdienen?“, „Kannst Du davon leben?“. Und gleichzeitig: „Wir hätten Dich super gerne als Referent*in. Leider können wir kein Honorar zahlen.“ oder „Achso! Nein, ein Budget haben wir dafür leider nicht“. Klar, niemand meint das böse - man ist ja selbst knapp bei Kasse. Es wird gelockt mit der Werbung, die einem dadurch entsteht. Und meist die nächste Anfrage ohne Budget nach sich zieht!?

 

Die Folge: Wir beuten uns wechselseitig aus. Es ist eine Abwärtsspirale, die uns alle Energie kostet und unsere Wirkung immer klein halten wird. Wir untergraben damit unser eigenes Anliegen. Auch wenn das niemand böse meint. Freilich müssen wir uns dann noch um ein weiteres Thema kümmern: Woher kommt Geld von extern? Schließlich genügt es nicht, das Geld innerhalb des SocEnt-Kreislaufs hin- und herzuschieben. Aber das ist nochmal ein ganz anderes Thema. In diesem Beitrag möchte ich eine Diskussion anstoßen, in der wir uns zunächst einmal unsere Haltung zum Thema Geld bewusst machen.

Geld regiert die Welt?

Aus politikwissenschaftlicher Sicht ist dieses Sprichwort der reinste Blödsinn: Denn - wenn wir in Deutschland bleiben - nur die qua Wahlen verliehene Macht erlaubt es jemandem, allgemein verbindliche Entscheidungen zu treffen und (siehe Sprichwort!) zu regieren. So weit die Theorie.

 

Aber wir wissen alle aus unserem privaten Leben und unserem unternehmerischen Alltag, was Geld für eine (wirkungs-)mächtige Ressource ist: Mehr Personal. Besser ausgebildetes Personal. Weitreichenderes Marketing. Büroräume. Professionelle und schnelle Pressearbeit. Zeit, vor allem ganz viel Zeit. In der wir nachdenken können, Ideen spinnen können, Bündnisse schmieden können. Ja, Geld ist eine Machtressource. Und alles, was mit Geld zu tun hat - ich sage nur Arbeitsplätze - ist natürlich ein bestimmender Faktor für die Politik. Und diese schlechten Gefühle, die wir im praktischen Alltag immer wieder empfinden, wenn es um Geld und Macht geht, drücken sich u.a. im oben genannten Sprichwort aus.

 

Ähnliches kann ich auch aus meiner praktischen Erfahrung in der politischen Welt berichten: Wir streben nur ungern nach Macht. Macht klingt böse und schmutzig. Und vor allem Frauen haben zu Macht noch häufig ein schwieriges Verhältnis. Und - unabhängig vom Geschlecht - möchte ich gerne an meiner These festhalten, dass die SocEnt-Szene ein sogenannter „Frauenberuf“ ist. Und auch wir uns ungern mit dem Thema „Macht“ beschäftigen. Im System der Politik dreht sich alles nach dem Code „Macht“; die haben wir beispielsweise in einem gewissen Umfang durch ein Amt oder ein Mandat. Und im System der Wirtschaft dreht sich alles um den Code „Geld“. Nur wenn wir das begreifen und danach handeln, erweitern wir im Sinne der oben genannten Kriterien unsere Spielräume und Möglichkeiten. Und mit diesen Ressourcen können wir dann erst so richtig Einfluss nehmen und gestalten. Vielleicht ja sogar den Code für die Wirtschaft ändern. Stichwort Impact.

Oh Gott, das klingt so nach Weltherrschaft

Ja, „Macht“ und „Einfluss nehmen“, das klingt irgendwie bedrohlich und es tauchen vielleicht eher Bilder von unsympathischen Typen (Putin, Trump, Erdogan - such Dir einen aus) in uns auf. Es klingt nach „von oben aufoktroyiert“. Iiih. Bäh. Das wollen wir ja gar nicht! Wir wollen auf Augenhöhe… miteinander… ein Prozess…

 

Auch für mich klingt es im ersten Moment noch unsympathisch, obwohl ich im Kopf anders darüber denke. Umso wichtiger, dass wir darüber sprechen!

 

Ich möchte daher eine provokante Frage stellen: Ist dieses Streben nach Macht, nach Einfluss nehmen, nach der Möglichkeit, gestalten zu können und zu dürfen, nicht eher eine Frage von: Wie unbedingt wollen wir es? Wollen wir lieber ein bisschen die Welt retten spielen, oder streben wir das wirklich an? Denn gestalten, ach, das hört sich doch gleich etwas schöner und harmloser an, das wollen wir doch? Und nein, das Umdenken zu einer enkeltauglichen Wirtschaft wird nicht in jedem und jeder einzelnen nach und nach von selbst entstehen, aus einem intrinsischen Bedürfnis heraus. Wir müssen dafür Leitplanken setzen. Die Gefühle dürfen gerne nachwachsen.

 

Und noch ein anderer Blick darauf: Vielleicht hilft das für einen etwas smootheren Einstieg: Jeder Euro, der auf unserem Konto landet, landet nicht bei denen, die wir doof finden. Oder jede Stimme, die Du einer „guten“ Partei gibst, landet nicht bei denen, die wir ablehnen (siehe die unsympathischen Typen weiter oben).

 

Das heißt dann übrigens auch: Die Motivation, warum wir Macht anstreben, macht den Unterschied. Geht es dabei in erster Linie um einen selbst oder um andere?

Mit Pro Bono Aufträgen und "Freundschaftsdiensten" halten wir uns klein

Erst durch (schmerzhafte) Erfahrungen hat sich dies auch bei mir von einem theoretischen Wissen und Unbehagen in eine praktische Notwendigkeit und Akzeptanz verwandelt. Und deshalb kann ich heute sagen: Ich möchte Macht. Ich möchte Geld verdienen. Und ich arbeite deshalb nicht pro bono. Das ist meines Erachtens in unserer Situation, in der wir noch ohne Macht sind, ein struktureller Fehler. Denn auf das „Wohl der Öffentlichkeit“, darauf wirke ich ständig in meinem Tun - ob beruflich oder ehrenamtlich - hin. Es ist meine Motivation. Beruflich muss das aber entlohnt werden, sonst existiert bald eine Kraftquelle weniger für das „Wohl der Öffentlichkeit“. Und ich bin mir sicher, dass es vielen in unserer Community ähnlich geht.

 

Stellen wir die Machtfrage

Wir sollten also unbedingt ein positives Verhältnis zum Thema Geld entwickeln, weil es uns Spielräume zum Gestalten eröffnet. Und genau da wollen wir ja hin, oder? Uns sollte also stets bewusst sein, dass Geld eine strukturelle Machtfrage ist. Und sich dieses Bewusstsein in unserer Haltung und in unserem Handeln wiederfinden sollte.

 

Liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter, Feminismus oder Tage wie heute sollen nicht nur auf Frauen oder vermeintliche „Frauen-Themen“ aufmerksam machen, sondern vor allem auf strukturelle Missstände und Ungleichheiten. In diesem Sinne: Uns allen einen wunderbaren Weltfrauentag!

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