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9 Grundsätze für die politische Arbeit

Ich habe oft mit Menschen zu tun, für die die politische Welt vollkommen fremd ist. Will man dort Fuß fassen und die eigene Organisation oder das Sozialunternehmen positionieren, muss man also zunächst viel über das System Politik lernen und ein Verständnis für das Ineinanderspielen verschiedener Faktoren entwickeln. Mit diesem Beitrag liefere ich Euch eine Einführung in die politische Lobbyarbeit, die Euch als Handreichung bei den ersten Schritten dienen soll. Lies Dir diese Grundsätze gerne immer wieder durch. Aus meiner ehrenamtlichen Arbeit weiß ich, wie mühsam das politische Geschäft ist. Jeden Tag auf's Neue. Führe Dir diese Grundsätze deshalb immer wieder zur Motivation vor Augen.

Kenne Deine Ziele

Der Ausgangspunkt für alles, ist das, was Du erreichen willst. Dein Ziel. Du solltest Dir also sehr konkret überlegen, was Du wie bewegen willst mit Deinen Aktivitäten. Besonders hilfreich ist es, wenn Du nicht nur schöngeistige Utopien formulieren kannst, sondern einen ersten, ganz konkreten Schritt, der Dich dieser Utopie ein Stück näher bringt. Zum Beispiel ein Verbot von Plastikstrohhalmen oder die Einführung eines Tempolimits von 120 km/h auf deutschen Autobahnen. Ich empfehle Dir, realistische Ziele zu verfolgen und zu kommunizieren. Das qualifiziert Dich als Gesprächspartner*in. Für philosophische Utopie-Gespräche ist im politischen Alltag kein Platz, damit wirst Du nicht auf Gehör stoßen.

Wenn Du noch ganz am Anfang stehst, wirst Du solche konkreten Ziele nicht aus dem Hut zaubern können. Das ist ein strategischer Prozess über mehrere Monate. Doch auch jetzt kannst Du bereits aktiv werden. Dein momentanes Ziel lautet, Dir ein politisches Netzwerk aufzubauen. Bereits in diesem Stadium solltest Du zur Kontaktpflege persönliche Gespräche führen und Dich und Deine noch allgemeinen Überlegungen und Ziele teilen. Stell Dich und Deine Organisation bei einem ersten Treffen auch nochmal vor und erkläre, welche Arbeit Ihr leistet. Setze nicht zu viel Vorwissen voraus. Du wirst feststellen, dass Du dabei Hilfestellung ernten wirst und Du dabei Partner gewinnst, die mit Dir gemeinsam an der gleichen Sache arbeiten wollen. Das ist ideal, denn politische Arbeit lernt man nicht im luftleeren Raum. Learning by doing!

Interessiere Dich für Dein Gegenüber

Versuche, Lobbyarbeit niemals als Einbahnstraße zu begreifen. Sei ehrlich interessiert und neugierig gegenüber Deinen Gesprächspartnern. Politiker sind Menschen, die in der Regel ebenfalls viele Jahre ehrenamtlich gearbeitet haben um jetzt da zu sein, wo sie sind. Das gilt auch für Politiker, die einer Partei angehören, die Du nie im Leben wählen würdest. Auch sie engagieren sich für unsere Gesellschaft. Sie haben zu vielen Themen vielleicht eine andere Einstellung als wir selbst. Aber diese Unterschiede müssen wir in einer Demokratie aushalten. Begreif Dein Gegenüber daher bitte niemals als Gegner. Begreift Euch als Partner. Dazu zählt dann auch ein bisschen Smalltalk und eine angenehme menschliche Ebene. Das hilft Dir vielleicht auch dabei, Dich in Dein Gegenüber hineinzuversetzen und seine Eigeninteressen zu verstehen. Das unterstützt Dich im Entwickeln Deiner Argumentationslinie.

Zeige Dich kooperativ

In der Sache bleiben wir stets bestimmt und zeigen uns nicht wankend. Auf Dialogebene bleiben wir aber immer freundlich und kooperativ. Besonders wichtig für die Zusammenarbeit ist es, herauszufinden, wo Du Gemeinsamkeiten mit Deinem Gesprächspartner hast. Bei unterschiedlichen Standpunkten stapfen wir nicht wutentbrannt aus dem Zimmer, sondern bleiben neugierig für die Argumentation unseres Gegenübers. Vielleicht können wir sogar noch etwas dazulernen. In jedem Fall sollten wir uns mit den Argumenten der Anderen ernsthaft auseinandersetzen. Denn meist verbergen sich dahinter andere (teils berechtigte) Interessen. Diese sollten nicht wie eine lästige Fliege abgetan werden. Wir sollten für noch bestehende Bedenken eher Lösungen suchen. Am besten gemeinsam.

Überzeuge mit Fakten

Unterfüttere Dein Anliegen mit Fakten und argumentiere immer sachlich. Wir sind mit viel Herzblut bei der Sache, trotzdem sollten wir niemals emotional werden. Und so sollten wir auch nicht argumentativ auftreten. Dazu zählt auch, dass wir nicht ständig die Moralkeule schwingen. Du kannst Dich gerne mal auf gewisse Grundwerte berufen. Aber ehrlich gesagt ist das unter den demokratischen Parteien common sense. Niemand würde ernsthaft dagegen argumentieren. Was uns hin und wieder unterscheidet, ist die Überzeugung, welcher Weg der beste ist. Und genau darüber gilt es sachlich zu streiten und eine gute Lösung zu finden.

Unterschätze nicht die Sachzwänge

Du bist Repräsentant*in Deiner Organisation und Du kennst das: Auch innerhalb der gleichen Gruppen gibt es verschiedene Meinungen und Strömungen. Auch die Macht ist ungleich verteilt und manchmal setzt man sich mit seinen Ansichten nur schwer durch. Genauso ist es auch für Dein Gegenüber. Er ist womöglich Mitglied einer Partei, einer Fraktionsgemeinschaft und kann sich dort mit seinen Vorschlägen nicht durchsetzen und gewinnt keine Mehrheit. Oder ist Mitarbeiter*in in der Verwaltung und muss sich an Anweisungen halten und auch noch die Vorgesetzte von einer Idee überzeugen. Vielleicht hat er oder sie auch erst vor Kurzem bereits eine Pleite in dieser Art erlebt und ist momentan nicht besonders scharf darauf, sich schon wieder den Mund zu verbrennen. Dann ist gerade einfach der falsche Zeitpunkt. Betrachte auch das kooperativ und biete Deine Unterstützung an, wie Bedenken ausgeräumt werden könnten.

Keine Zeit verschwenden

Es ist in hohem Maße unprofessionell, die kostbare Zeit anderer Menschen zu verschwenden. Sei Dir bewusst, dass Du es im politischen Betrieb mit einer Gruppe zu tun hast, die als Gesprächspartner heiß begehrt ist. Zeit ist ihr kostbarstes Gut. Komme gut vorbereitet und strukturiert zu den Gesprächen, halte zeitliche Absprachen ein und präsentiere Dich nicht als jemand, der ständig Anekdoten auftischt, die nichts zur Sache tun. Komm zum Punkt. Das Treffen selbst sollte auch immer einen tatsächlichen Anlass haben und wirklich Sinn machen. Präsentiere Dich kompetent und biete exklusive Informationen an, von denen auch Dein Gegenüber etwas hat. Damit hebst Du Dich von der Masse ab und steigerst Deine Chancen, auf eine nachhaltige Beziehung. Denn mit so jemandem arbeitet man gerne zusammen. Und Du hast vermutlich auch gut zu tun und tust Dir damit also nur selbst einen Gefallen.

Denke langfristig

Es wird Dich vielleicht nicht überraschen: Aber Politik ist ein zähes Geschäft und da ist nicht mit dem schnellen Erfolg zu rechnen. Das wird vielleicht gerne mal in Filmen oder House of Cards so dargestellt, dass man sich mal mit jemandem trifft, der einem noch einen Gefallen schuldet und der deichselt das dann schon. So läuft das nicht. Wir müssen uns in unserer Gruppe abstimmen, dein Gegenüber in seiner Gruppe. Agiere mit langem Atem. Wir leben ja nun auch wirklich in einer Zeit, in der sehr viele wichtige Themen auf der Agenda stehen. Wir müssen akzeptieren, dass nicht alle Themen gleichzeitig die oberste Priorität genießen. Wenn Du keinen Nerv auf den "Marathon" Politik hast, dann musst Du damit erst gar nicht anfangen. Falls Du das Abenteuer wagen willst, bleib kontinuierlich in der eigenen Organisation am Ball und nachhaltig in Deiner Beziehungspflege.

Als Einzelkämpfer*in kommst Du nicht ans Ziel

Wenn Du Dein Gegenüber als Partner begreifst, dann könnt Ihr gemeinsam an einer Sache arbeiten. Und das ist wichtig für den Erfolg Deines Anliegens. Wir leben in einer Demokratie und benötigen stets Mehrheiten für Entscheidungen. Also sollten wir uns nicht allein durchboxen. Dafür brauchst Du auch Vereine oder andere Gruppierungen zu Deinem Thema als Verbündete. Versucht mit einer Stimme zu sprechen. Auch da solltest Du frühzeitig einen Prozess in Gang bringen.

Agiere auf mehreren Ebenen gleichzeitig

Du solltest mit verschiedenen Akteuren im Gespräch sein. Achte darauf, dass bereits frühzeitig Politik und Verwaltung gleichermaßen in den Prozess involviert sind. Auch die Öffentlichkeit solltest Du von Beginn an teilhaben lassen an Deinen Aktivitäten. Es kommt bestimmt der Tag, an dem Du ihre Unterstützung benötigst. Da sollte sie also auch das Gefühl haben "immer dabei zu sein". Außerdem ist das eine ressourcenintensive Arbeit die Du da leistest. Auch aus Imagegründen sollten Deine Kundschaft oder Mitglieder also informiert bleiben und die Gelegenheit haben, Dir Feedback zu geben. Zudem ist es je nach Thema auch sinnvoll auf verschiedenen Ebenen unterwegs zu sein. Von einer Entscheidung auf Bundesebene sind in der Regel ja auch die Landes- und Kommunalebene betroffen. Vielleicht gewinnst Du dort Unterstützung und Fürsprecher*innen oder kannst gewisse Prozesse beschleunigen. Parteifreund*innen stehen schließlich über alle Ebenen hinweg in Kontakt und können wertvolle Türöffner sein.

Ich wünsche Euch ganz viel Erfolg für Eure Projekte und bin gespannt zu hören, wie es Euch in der politischen Welt so ergeht!


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